Kritisch betrachtet

Bringt das Pfand wirklich etwas?

Pfand kostet Aufwand, Geld und Nerven. Höchste Zeit für die unbequeme Frage: Was bringt das alles eigentlich, wo sind die Schwächen, und wäre die Welt ohne Pfand wirklich schlechter dran?

Nachdenkliche Szene mit Pfandautomat und gemischtem Verpackungsmüll als Symbol für die Kritik am Pfandsystem

Auf diesem Portal erklären wir, wie das Pfandsystem funktioniert und warum es sinnvoll ist. Aber ein gutes Infoportal stellt auch unbequeme Fragen. Pfand ist nämlich nicht über jeden Zweifel erhaben. Es gibt ernstzunehmende Kritik, und es gibt Länder, die ganz ohne auskommen. Schauen wir uns ehrlich an, was für und was gegen das Pfand spricht.

Das Argument der Kritiker: Geht es nicht auch ohne?

Der stärkste Einwand lautet: Pfand ist nicht der einzige Weg, Verpackungen einzusammeln. Große EU-Länder wie Spanien, Italien und Frankreich haben bis heute kein verpflichtendes Pfandsystem und sammeln ihre Flaschen über die normale Mülltrennung. Belgien argumentierte lange, seine Recyclingquoten seien auch ohne Pfand hoch genug. Wenn es also auch anders geht, warum dann der ganze Aufwand mit Automaten, Logik und Clearing?

Dazu kommt der Kostenpunkt. Ein Pfandsystem ist teuer. Es braucht Rücknahmeautomaten, Transport, Sortierung, eine zentrale Verrechnung und IT. In Frankreich lehnten lokale Behörden ein geplantes Pfandsystem genau deshalb ab: zu teuer, und die bestehende Mülltrennung funktioniere doch. Dieser Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Pfand ist bequem für den, der zurückgibt, aber im Hintergrund ein aufwendiger Apparat.

Was tatsächlich für das Pfand spricht

Jetzt die andere Seite. Die Daten zeigen ziemlich klar, dass Pfand wirkt, und zwar besser als reine Mülltrennung. Länder mit Pfand erreichen Rücklaufquoten von über 90 Prozent. Ohne Pfand liegt die getrennte Erfassung meist deutlich darunter. Für Italien etwa schätzen Untersuchungen, dass ein Pfandsystem die Sammlung von PET-Flaschen von rund 73 auf 94 Prozent heben könnte. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Der zweite Punkt ist die Qualität des Materials. Pfandflaschen kommen sortenrein zurück, nicht vermischt mit anderem Müll. Aus sauberem PET lässt sich wieder hochwertiges Granulat für neue Flaschen machen. Aus dem Mischmüll der gelben Tonne ist das viel schwerer. Pfand sorgt also nicht nur für mehr, sondern auch für besser verwertbares Material. Genau das ist der Grund, warum die EU auf Pfand setzt.

Der dritte Punkt ist das Littering, also weggeworfener Müll in der Landschaft. Eine Flasche mit 25 Cent Pfand landet seltener im Park oder am Straßenrand, weil sie einen Wert hat. Und wenn doch, hebt sie oft jemand auf. Studien gehen davon aus, dass Pfand das sichtbare Littering deutlich reduziert, in Modellrechnungen für Italien etwa um rund 30 Prozent.

Die ehrliche Abwägung

Wie passt das zusammen? So: Pfand ist aufwendig und teuer, aber es funktioniert nachweisbar besser als die Alternative. Die Frage ist nicht, ob man Flaschen auch ohne Pfand einsammeln kann, denn das kann man. Die Frage ist, wie viel davon zurückkommt und in welcher Qualität. Und da hat Pfand die besseren Zahlen.

Anders gesagt: Ohne Pfand leidet nicht sofort die Umwelt zusammen, aber es kommt weniger und schlechteres Material zurück, und mehr landet in der Natur. Pfand ist kein Allheilmittel, aber es ist eines der wenigen Umweltinstrumente, das im Alltag spürbar funktioniert und von fast allen mitgemacht wird.

Wo das deutsche System wirklich schwächelt

Berechtigte Kritik gibt es trotzdem genug, gerade am deutschen System:

  • Einweg ist trotz Pfand gestiegen. Das Pfand sollte ursprünglich Mehrweg schützen. Tatsächlich ist der Einweganteil seit 2003 gewachsen, die Mehrwegquote von angepeilten 70 Prozent auf rund 43 Prozent gefallen. Hier hat das System sein eigentliches Ziel verfehlt.
  • Der Pfandschlupf. Milliarden an nicht eingelöstem Pfand bleiben im System und kommen vor allem der Einwegindustrie zugute. Mehr dazu auf der Seite zum Pfandschlupf.
  • Intransparenz. Wer wie viel am Pfand verdient, ist von außen kaum nachvollziehbar, weil die entscheidenden Verträge nicht öffentlich sind.
  • Verwirrende Ausnahmen. Mal ist Milch im Karton pfandfrei, in der Plastikflasche nicht. Solche Sonderregeln versteht kaum jemand und sie schwächen die Akzeptanz.

Diese Kritik richtet sich aber nicht gegen das Pfand an sich, sondern gegen die konkrete Ausgestaltung. Ein Pfandsystem, das Mehrweg wirklich fördert, den Schlupf gemeinnützig umverteilt und auf unnötige Ausnahmen verzichtet, wäre deutlich besser. Genau darum drehen sich die aktuellen politischen Debatten.

Unser Fazit

Pfand ist nicht perfekt und kein Selbstzweck. Man kann mit guten Gründen über Kosten, Aufwand und die deutschen Geburtsfehler streiten. Aber die Behauptung, es bringe nichts, hält den Zahlen nicht stand. Mehr Rückgabe, besseres Recyclingmaterial, weniger Müll in der Landschaft: Das sind messbare Effekte, die ohne Pfand schwächer ausfallen. Die ehrlichste Bilanz lautet deshalb: Pfand ist ein aufwendiges System mit echten Schwächen, das seine Aufgabe trotzdem besser erfüllt als alles, was bisher an seine Stelle treten könnte.