Betrug & Kontrolle
Tricks, Betrug und die Technik dahinter
Wo Geld liegt, wird betrogen. Wir erklären, welche Maschen kursieren, welche großen Fälle aufgeflogen sind, wie die Sicherheitsmerkmale auf dem Pfandzeichen funktionieren und welche Technik dahinter steckt, die moderne Automaten die meisten Versuche abblocken lässt.
Warum manche Automaten austricksbar sind und andere nicht
Das ist die spannendste Frage, und die Antwort liegt im Pfandzeichen selbst und der Technik dahinter. Die Kennzeichnung vereint zwei Sicherheitsmerkmale: das DPG-Logo, das mit einer speziellen Sicherheitsfarbe gedruckt ist, und eine Artikelnummer, die exklusiv für den deutschen Markt vergeben wird.
Gute Automaten prüfen beides. Sie erkennen die Sicherheitsfarbe über eine optische Messung und gleichen ab, ob Code und Flaschengröße zusammenpassen. Ältere oder einfachere Geräte lesen dagegen nur den Strichcode. Genau das ist die Lücke: Ein Automat, der nur den Code liest, lässt sich leichter täuschen als einer, der zusätzlich die Farbe prüft. Deshalb funktioniert dieselbe Masche am einen Gerät und am anderen nicht. Wer schon einmal erlebt hat, dass eine Flasche an einem Automaten angenommen und am nächsten abgelehnt wurde, hat genau diesen Unterschied gespürt, meist aber bei völlig legalem Leergut mit beschädigtem Code.
Sichtbar und unsichtbar: die Sicherheitsfarbe
Bei der Einführung 2005 stand die Technik unter enormem Zeitdruck. Die allgemeine Rücknahmepflicht sollte bald greifen, und es brauchte ein Verfahren, das Betrug an Automaten verhindert. Die Bundesdruckerei entwickelte zunächst eine Lösung mit einer UV-Sicherheitsfarbe. Das hatte einen praktischen Charme: Viele Kassen besassen ohnehin UV-Lampen zur Prüfung von Geldscheinen, man hätte die vorhandene Technik mitnutzen können.
Im Feldversuch zeigte sich aber, dass sich dieses Verfahren zu leicht überlisten ließ. Die DPG entschied sich Ende 2005 deshalb gegen die UV-Lösung und für ein Verfahren mit Infrarotfarbe. Der Unterschied ist entscheidend: Im Druck steckt ein Merkmal, das das menschliche Auge nicht wahrnimmt, das die Erkennungstechnik im Automaten aber zweifelsfrei prüfen kann. Diese Geräte müssen hohe Durchsatzraten schaffen und das Merkmal sogar in Bewegung erkennen. Das dezente Graugrün, das viele am Pfandlogo kennen, ist Teil dieser Sicherheitsfarbe. Sie ist also gleichzeitig sichtbar als Farbton und unsichtbar als technisches Prüfmerkmal.
Zum Vergleich: Weltweit gibt es Dutzende Pfandsysteme, aber nur wenige setzen überhaupt auf eine solche Sicherheitstechnik. Das hat einen Grund. Das deutsche Pfand von 25 Cent ist im internationalen Vergleich hoch, und die Rückgabe läuft anonym am Automaten ab. Diese Kombination aus hohem Betrag und Anonymität macht das System für Betrüger interessanter als anderswo, weshalb hier mehr Aufwand in die Fälschungssicherheit fließt.
Maschen, die kursieren, und warum sie meist scheitern
Ohne ins Detail zu gehen, lassen sich die bekannten Ansätze grob in vier Gruppen einteilen. Wichtig ist dabei zu verstehen, warum die jeweilige Kontrolle greift:
- Mehrfachscans. Dieselbe Verpackung mehrfach abrechnen. Moderne Automaten zerkleinern Einweg sofort nach der Annahme, damit ist eine zweite Verwertung ausgeschlossen. Funktioniert die Zerkleinerung, ist diese Masche tot.
- Falsche Ware einwerfen. Pfandfreie Dosen aus dem Ausland oder schlichter Verpackungsmüll. Der Abgleich von Sicherheitsfarbe, Code, Form und Gewicht fängt das bei guten Geräten zuverlässig ab.
- Gefälschte oder umgeklebte Pfandzeichen. Aufwendig, und ein einmal verwendetes Zeichen ist verbraucht, weil die Flasche zerstört wird. Lohnt sich nur im großen, organisierten Stil und fällt dann meist buchhalterisch auf.
- Manipulation auf Betreiberseite. Die gefährlichste Variante, weil sie von innen kommt und die Sicherheitstechnik der Verpackung komplett umgeht. Dazu gleich mehr.
Allen Privatmaschen ist eines gemeinsam: Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Eine einzelne erschlichene Dose bringt 25 Cent. Um daraus eine nennenswerte Summe zu machen, bräuchte es industrielle Mengen, und genau dann wird es sichtbar und strafbar.
Fälle, die aufgeflogen sind
Pfandbetrug ist kein Massenphänomen, aber ein hartnäckiges. Der Spiegel schätzte den Schaden seit 2014 auf rund 100 Millionen Euro, und allein 2018 wurde rund 60 Fällen nachgegangen. Drei dokumentierte Beispiele zeigen die ganze Bandbreite, vom Einzeltäter bis zum organisierten Betrug:
- Castrop-Rauxel, 2018. Der größte bekannte Fall und ein Lehrstück für Innentäter. Der Geschäftsführer eines Getränkehandels schaltete laut Anklage die Schredderfunktion seiner beiden Automaten ab. Dadurch konnten dieselben Dosen und Flaschen immer wieder eingeworfen und gescannt werden. Die Automaten erfassten jeden Vorgang neu, und die Getränkehersteller zahlten brav aus. Schaden laut Anklage: rund 1,2 Millionen Euro.
- Autobahn A9 bei Allershausen, 2021. Die Polizei stoppte einen Lastwagen mit 26.000 Flaschen, die mit gefälschten Einweg-Pfandetiketten beklebt waren. Wären die Etiketten echt gewesen, hätten die Flaschen rund 6.500 Euro Pfand gebracht. Gegen den Fahrer wurde Haftbefehl erlassen.
- München, 2013. Ein Mann brachte gefälschte PET-Flaschen über die Grenze ins deutsche System. Genau vor dieser Gefahr durch organisierten Betrug aus dem Ausland hatten Fachleute schon vor der Pfandeinführung gewarnt. Die Befürchtung, dass das hohe deutsche Pfand Kriminelle aus dem Ausland anlockt, hat sich damit bestätigt.
Auffällig ist, dass die wirklich großen Schäden fast immer mit der Betreiberseite oder mit organisierten Strukturen zu tun haben, nicht mit dem Gelegenheitstrickser am Automaten. Der Einzelne kommt über Kleinbeträge kaum hinaus. Wer Millionen erbeutet, hat entweder Zugriff auf die Automatentechnik oder fälscht im industriellen Maßstab.
Wie das Clearing Betrug erkennt
Im Hintergrund läuft eine ständige Abrechnung zwischen Händler, Abfüllern und Logistik, das sogenannte Clearing. Genau dort fallen Auffälligkeiten auf. Wenn ein einzelner Markt plötzlich ungewöhnlich viele Rückgaben meldet, die nicht zu seinen Verkaufszahlen passen, ist das ein Warnsignal. Die Rückführung der Mengen ist dokumentiert, und die Abrechnungen werden gegeneinander abgeglichen. Abweichungen lassen sich so im System aufspüren und nachverfolgen.
Nach dem Bekanntwerden größerer Fälle wurden die Sicherheitssysteme zusätzlich verschärft. Ungewöhnliche Datensätze lösen heute schneller eine Prüfung des betroffenen Automaten aus. Das macht es vor allem für Wiederholungstäter und für Manipulationen über längere Zeiträume schwieriger, unentdeckt zu bleiben.
Was zur Dunkelziffer
Wie viel Pfandbetrug unentdeckt bleibt, weiß niemand. Genau das ist mit Dunkelziffer gemeint: die Fälle, die nie ans Licht kommen. Anders als beim Pfandschlupf, der sich wenigstens grob hochrechnen lässt, fehlt beim Betrug jede verlässliche Grundlage. Es gibt keine zentrale Statistik, die alle Fälle erfasst, und vieles wird intern reguliert, ohne dass es je vor Gericht landet.
Die Branche verweist darauf, dass auffällige Datenmuster im Clearing schnell erkannt werden. Kritiker halten dagegen, dass gerade die Innentäter, die das System von der Betreiberseite kennen, lange unentdeckt bleiben können, weil sie wissen, welche Muster auffallen und welche nicht. Der Fall Castrop-Rauxel ist dafür das beste Beispiel: Die Manipulation lief eine ganze Weile, bevor sie aufflog. Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Die sichtbaren Fälle sind vermutlich nur ein Ausschnitt, aber wie groß der Rest ist, lässt sich seriös nicht beziffern.
Warum gerade Deutschland so viel Technik braucht
Ein Blick zurück erklärt, warum das deutsche System so aufwendig abgesichert ist. Als das Einwegpfand eingeführt wurde, stand mit der Fußball-WM 2006 ein Großereignis vor der Tür, bei dem Millionen Getränkeverpackungen im Umlauf sein würden. Die Sorge war groß, dass das frisch gestartete System zum Tummelplatz für Betrüger werden könnte, bevor es richtig lief. Genau dieser Druck trieb die Entwicklung der Sicherheitstechnik voran.
Hinzu kommt die schiere Menge. Pro Monat sind in Deutschland rund 1,5 Milliarden Pfandobjekte im Umlauf, was einem Pfandwert von mehreren hundert Millionen Euro entspricht. Bei solchen Größenordnungen lohnt sich Betrug selbst dann, wenn nur ein winziger Bruchteil durchrutscht. Deshalb prüfen die Automaten jede einzelne Flasche und Dose, bevor sie Geld ausschütten. Sie müssen unterscheiden können zwischen echtem deutschen Pfandgut, pfandfreier Auslandsware und schlichtem Verpackungsmüll. Diese Prüfung in Sekundenbruchteilen und bei hohem Durchsatz zuverlässig hinzubekommen, ist technisch anspruchsvoll und der eigentliche Grund, warum gute Automaten teuer sind.
Der Mythos vom selbstgedruckten Pfandzeichen
Immer wieder taucht die Behauptung auf, man könne sich Pfandzeichen einfach selbst ausdrucken und auf beliebige Verpackungen kleben. Das beruht auf einem alten, längst überholten Test aus der Anfangszeit des Systems. Damals prüften manche Automaten tatsächlich nur den aufgedruckten Code. Heute prüfen die guten Geräte zusätzlich die Sicherheitsfarbe, und genau die lässt sich mit einem normalen Drucker nicht reproduzieren, weil das Prüfmerkmal im nicht sichtbaren Bereich liegt.
Dazu kommt ein simples logisches Problem: Ein Pfandzeichen lässt sich nur ein einziges Mal einlösen. Sobald die Verpackung angenommen und zerkleinert ist, ist das Zeichen verbraucht. Wer ein echtes Zeichen von einer Flasche ablöst und auf eine pfandfreie Dose klebt, hat dadurch keinen Gewinn, sondern nur die ursprüngliche Flasche entwertet. Der vermeintliche Trick frisst sich selbst auf. Genau deshalb scheitern solche Versuche im Alltag fast immer, und die Fälle, die wirklich Schaden anrichten, laufen über ganz andere Hebel, nämlich über Manipulation der Automatentechnik oder über Fälschung im industriellen Maßstab.
Das Fazit ist unspektakulär
Der Aufwand, das System auszutricksen, steht für Privatpersonen in keinem Verhältnis zum Ertrag. Eine zerkratzte Banderole bringt eher Ärger am Automaten als Gewinn, und der nächste gute Automat erkennt den Schwindel ohnehin. Die wirklich großen Schäden entstehen nicht durch Gelegenheitstricks, sondern durch organisierten Betrug und durch Manipulation auf Betreiberseite. Genau dort setzt die Kontrolle an, und genau dort wird sie ständig nachgeschärft. Für alle anderen gilt schlicht: Leergut zurückbringen ist der einfachste und einzige legale Weg, an sein Pfand zu kommen.