Über die Grenze geschaut
Pfand in Europa
Deutschland war früh dran, aber längst nicht allein. Wie das Pfand in den Niederlanden, Österreich und anderen EU-Ländern funktioniert, wo es noch keins gibt und warum sich das bald überall ändert.
Pfand fühlt sich für viele wie eine deutsche Eigenheit an. Tatsächlich ist Deutschland aber nur eines von vielen Ländern mit einem Rückgabesystem, und längst nicht das erste. Die Vorreiter saßen im Norden: Schweden, Finnland und Dänemark setzen seit Jahrzehnten auf Pfand und erreichen Rücklaufquoten von über 90 Prozent. Deutschland war 2003 immerhin das erste große Land mit mehr als 30 Millionen Einwohnern, das ein Einwegpfand einführte, inspiriert von genau diesen skandinavischen Modellen.
Spannend wird der Vergleich, weil jedes Land sein System ein bisschen anders gebaut hat. Mal ist das Pfand höher, mal niedriger, mal gibt es Übergangsfristen und Anlaufprobleme. Wir schauen uns die wichtigsten Nachbarn an.
Niederlande: statiegeld mit Startschwierigkeiten
In den Niederlanden heißt Pfand statiegeld. Auf große Einweg-PET-Flaschen ab einem Liter werden 25 Cent fällig, auf kleinere Flaschen seit Juli 2021 15 Cent. Seit April 2023 gibt es auch Pfand auf Dosen. Das klingt vertraut, lief in der Praxis aber holprig. Es fehlte an Rückgabestellen, die Rücklaufquoten blieben zunächst niedrig, und die Aufsichtsbehörde drohte der verantwortlichen Organisation sogar mit empfindlichen Geldstrafen, falls nicht schnell mehr Automaten aufgestellt würden.
Das zeigt eine Lehre, die sich überall wiederholt: Ein Pfandsystem ist nur so gut wie sein Rückgabenetz. Wo es zu wenige Automaten gibt, bleibt das Pfand liegen, und die Leute ärgern sich. Genau dieselben Anlaufprobleme hatte Deutschland in den ersten Jahren nach 2003. Mehr dazu auf der Seite zum Pfandschlupf.
Österreich: der jüngste Neuzugang
Österreich hat zum 1. Januar 2025 ein Einwegpfandsystem eingeführt, fast genau nach deutschem Vorbild. Das Pfand beträgt einheitlich 25 Cent auf alle Einweg-Plastikflaschen und Dosen mit einem Volumen zwischen 0,1 und 3 Litern. Milch und Milchmischgetränke sind aus hygienischen Gründen ausgenommen, ebenso Getränkekartons. Es gibt ein eigenes österreichisches Pfandlogo, und die zentrale Stelle EWP Recycling Pfand Österreich organisiert das Ganze.
Interessant ist der Start: In den ersten sechs Monaten wurden von rund 880 Millionen verkauften Pfandgebinden etwa 357 Millionen zurückgegeben, also knapp die Hälfte. Das klingt wenig, ist für ein frisch gestartetes System mit Übergangsfristen aber normal. Bis 2027 peilt Österreich eine Rücklaufquote von 90 Prozent an. Auch hier gilt: Ein neues System braucht ein, zwei Jahre, bis es rundläuft.
Weitere Länder mit Pfand
Quer durch Europa ist das Bild bunt. Einige Beispiele:
- Kroatien hat schon seit 2006 ein Pflichtpfand auf Einweg-Getränkeverpackungen.
- Irland erhebt seit Februar 2024 Pfand: 15 Cent auf kleine Behälter bis 500 Milliliter, 25 Cent auf größere.
- Malta (seit 2022), die Slowakei (seit 2022) und Rumänien (seit 2023) haben in den letzten Jahren nachgezogen.
- Skandinavien und die baltischen Staaten gelten als Musterregionen mit sehr hohen Rücklaufquoten.
- Portugal und Belgien planen die Einführung für 2026.
Die Pfandhöhen und Details unterscheiden sich, das Grundprinzip ist überall gleich: ein Sicherungsbetrag, den man bei der Rückgabe zurückbekommt. Wer im Urlaub Getränke kauft, sollte also auf das jeweilige nationale Pfandlogo achten. Eine deutsche Pfandflasche kann man im Ausland nicht zurückgeben und umgekehrt, weil jedes Land sein eigenes System und seine eigene Kennzeichnung hat.
Wo es noch kein Pfand gibt
Auffällig ist, dass ausgerechnet einige der größten Märkte Europas bisher kein verpflichtendes Pfandsystem haben: Spanien, Italien und Frankreich. Dort werden riesige Mengen an Einwegverpackungen verkauft, aber zurückgegeben wird über die normale Mülltrennung, nicht über Pfandautomaten. In diesen Ländern wird seit Jahren über die Einführung diskutiert, oft begleitet von heftigem Widerstand. In Frankreich etwa lehnten lokale Behörden ein geplantes Pfandsystem ab, weil sie hohe Kosten fürchteten und ihre bestehende Mülltrennung für ausreichend hielten.
Das ist ein wichtiger Punkt für die ehrliche Einordnung: Pfand ist nicht der einzige Weg, Verpackungen zu sammeln. Länder wie Belgien argumentierten lange, ihre Recyclingquoten seien auch ohne Pfand hoch genug. Ob das stimmt, ist umstritten. Genau diese Frage, ob Pfand wirklich nötig ist oder ob es auch anders geht, behandeln wir ausführlich auf der Seite zur Kritik am Pfandsystem.
Die EU macht Pfand bald zur Pflicht
Die Zeit der Flickenteppiche läuft ab. Mit der neuen EU-Verpackungsverordnung, kurz PPWR, müssen alle Mitgliedstaaten bis zum 1. Januar 2029 dafür sorgen, dass mindestens 90 Prozent der Einweg-Kunststoffflaschen und Metalldosen getrennt erfasst werden. Wer das nicht anders schafft, muss ein Pfandsystem einführen. Eine Ausnahme gilt nur für Länder, die nachweisen können, dass sie die 90 Prozent bereits über ihre normale Mülltrennung erreichen.
Für Deutschland und die skandinavischen Länder ist das längst Routine. Für Spanien, Italien und Frankreich bedeutet es einen großen Umbau in den nächsten Jahren. Pfand wird damit europaweit eher zur Regel als zur Ausnahme. Was in Deutschland 2003 als umstrittenes Experiment begann, ist auf dem Weg, zum EU-Standard zu werden.